Tierrechte

Zunächst ein paar Fakten: In Deutschland werden jedes Jahr rund 750 Millionen Tiere geschlachtet. 58,3 Millionen Schweine. 3,2 Millionen Rinder. 628 Millionen Hühner. 37,7 Millionen Puten. 25,5 Millionen Enten. Und viele, viele Ziegen, Schafe und Gänse. Das sagt der Deutsche Fleischatlas 2014, ein Kooperationsprojekt der Heinrich-Böll- Stiftung und des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). 750 Millionen Tiere – für den Deutschen Bauernverband eine ökonomische Erfolgsbilanz. Für mich sind das 750 Millionen Todesfälle. Jedes Jahr…

Und wir töten nicht, weil wir sonst an Hunger sterben würden. Wir töten, um Fleisch zu essen. Wir töten, um Medikamente und Haushaltsreiniger zu testen. Und bevor wir töten, nehmen wir die Tiere gefangen. Dieses kurze Leben ist in 98 Prozent der Fälle – also für 735 Millionen Tiere, ein äußerst miserables – denn sie fristen ihr Dasein in Massentierhaltungsbetrieben. Unbeachtet von uns, hinter hohen Mauern. Augen zu. Nichts wissen. Nichts sehen. Nichts hören. So gehen immer noch viele Menschen vor, um ihr Schnitzel auf dem Teller zu rechtfertigen. Um das hier schonmal vorweg zu nehmen: Auch Biofleisch ist keine Lösung. Dem Biohuhn dürfte es herzlich egal sein, dass es statt 35 Tage, wie es in der Mast der Fall ist, 60 bis 70 Tage leben darf. Am Ende ist es nach einem viel zu kurzen Leben immer noch tot. 60 bis 70 Tage statt fünf Jahre – das ist nämlich die normale Lebenserwartung eines Huhnes.

Tiere sind fühlende Wesen

Die bisherige Tierschutzdebatte ist nur eine Farce. Darin geht es um die Größe von Gehegen und Ställen. Um Methoden der Tötung und Schlachtung. Um Fragen, welche Tierversuche zulässig sind. Diese Debatte muss das Tierwohl viel grundsätzlicher in den Blick nehmen. Denn: Tiere sind keine Ware. Tiere haben Rechte. Warum? Ganz einfach: Weil sie fühlende Wesen sind. So wie wir. Eine Kuh leidet, wenn man ihr ihr Kalb wegnimmt. Ein Ferkel schreit vor Schmerz, wenn man es ohne Betäubung kastriert. Ein Huhn, dessen Brust so fett gezüchtet wurde, dass es umkippt, ist garantiert in ziemlich schlechter Verfassung. Ob Kuh, Schwein oder Huhn. Sie alle würden normalerweise, hätten sie Raum und Möglichkeit, in Herdenverbänden leben. Nicht zusammengepfercht in irgendwelchen Ställen. Das ist Tierquälerei.

Wie verhalte ich mich fair?

Im Rahmen der veganen Woche in Münster, die vom 20. bis zum 26. Oktober 2014 stattfand, habe ich einem Vortrag der Philosophin Dr. Friederike Schmitz beigewohnt. Sie geht unter anderem der Frage nach: „Wie kann ich mich fair verhalten und nicht nur meine eigenen Interessen berücksichtigen?“ Dazu stellt sie die Interessen von Mensch und Tier gegenüber. Das Tier hat nach ihren Worten ein Interesse daran, nicht zu leiden, kein total verarmtes Leben zu führen, artgemäße Bedürfnisse auszuleben, soziale Kontakte zu pflegen – und nicht getötet zu werden. Welche Interessen stehen dagegen bei uns auf dem Spiel, sollten wir keine Tiere mehr essen? Ein bestimmter Genuss, der Profit bestimmter Unternehmen sowie Bequemlichkeit – wer kein Fleisch mehr isst, muss sich  um seine Ernährung mehr Gedanken machen. „Das sind leichtgewichtige Interessen“, sagt Friederike Schmitz. Also Tod contra Genuss, darum geht es letztendlich. Ist das nicht ein schlechter Witz? Sind wir Menschen wirklich so egoistisch? Es fällt mir oft schwer, das zu glauben.

Mit dem Hund zum Heilpraktiker

Widersprüchlich ist unser Verhältnis zu Tieren allemal. Wir verhätscheln Hund und Katze. Gleichzeitig kaufen wir im Supermarkt das billigste Schweinefleisch. Die Bekannten gehen mit ihrem Hund zum Heilpraktiker, geben Unsummen für seine Ernährung, Spielzeug und Kleidung (Regenmäntelchen und wärmendes Leibchen) aus. Gleichzeitig kommt täglich Fleisch auf den Teller. Die Freundin isst keine Tierkinder, also Kalb oder Lamm. Doch sie sieht kein Problem darin, ihre Zähne freudig in ein blutiges Steak zu schlagen. Wo ziehen Menschen ihre Grenzen? Warum lieben sie Hunde, essen Schweine, tragen Kühe (in Form von Gürteln, Schuhen, Jacken)?  Plausibel begründen lässt sich das nicht, schließlich sind Schweine intelligenter als Hunde und ähnlich verspielt wie diese. Und ein Ferkel ist mindestens genauso süß wie ein Welpe. Das Buch, das diese Thematik untersucht, nämlich „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ von Melanie Joy, sei an dieser Stelle jedem ans Herz gelegt.

Philosophen wie Friederike Schmitz sprechen von Speziesmus („Es sind ja bloß Tiere“) analog zu Sexismus („Es sind ja bloß Frauen“) oder Rassismus („Es sind ja bloß Schwarze“). Tiere sollen, wie einst vor ihnen die Frauen und die Sklaven, aus der Unterdrückung befreit werden. Immer mehr Menschen, unter ihnen Juristen, Soziologen, Politiker, Wissenschaftler, denken über Tierrechte und Tierethik nach. Bücher, die den Markt überschwemmen, regelmäßige Dossiers zum Thema in den wichtigsten deutschen Zeitungen wie der ZEIT, der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, belegen dies.

Auf der anderen Seite steht natürlich die mächtige Agrarlobby, die genau das verhindern will. Tiere als Individuen, als fühlende Wesen? Da lacht der Bauernpräsident. Und mit ihm ein ganzer Wirtschaftszweig. Für diese Menschen sind Tiere tatsächlich nur eine Ware. Doch dieser schmutzigen Denkweise sollten wir uns alle entgegenstellen! Zeigen wir es ihnen! Ich allein kann daran nichts ändern? Doch! Wenn immer mehr Menschen immer weniger Fleisch essen, dann können wir die Welt verändern. Stück für Stück.

 

„Auschwitz beginnt da, wo jemand im Schlachthof steht und denkt, es sind ja nur Tiere.“
Theodor W. Adorno, jüdischer Philosoph und Soziologe, 1903-1969

„Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi … Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka.“
Isaac Bashevis Singer, jüdischer Philosoph, 1904-1991, Mutter und Bruder wurden 1939 von den Nazis ermordet

„Ich entsinne mich, dass ich während eines Urlaubaufenthalts von 1967 im russischen Wald bei Cavidovo zum ersten Mal eine solche ,Hühnerfabrik‘ gesehen und besucht habe und dass mein erster Eindruck – und er hat sich später nie geändert – der war: das muss für die armen Tiere ja schlimmer sein als was wir im Konzentrationslager die Jahre hindurch haben ausstehen müssen!“
Martin Niemöller, ev. Theologe, 1892-1984, ehemaliger KZ-Häftling in Sachsenhausen

„Nichts wird … die Chancen für ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zu einer vegetarischen Ernährung.“
Albert Einstein, Physiker, 1879-1955

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