Nachhaltigkeit

Eine Plastiktüte schwimmt hinaus aufs Meer - Im Nordpazifik treibt seit Jahrzehnten ein Müllstrudel, der mittlerweile so groß ist wie Zentraleuropa. Foto freeimages.com

Eine Plastiktüte schwimmt hinaus aufs Meer – Im Nordpazifik treibt seit Jahrzehnten ein Müllstrudel, der mittlerweile so groß ist wie Zentraleuropa. Foto freeimages.com

Silvestermorgen 2014/15. Gerade komme ich aus dem Superbiomarkt. Und musste mal wieder die Zähne zusammenbeißen, um meine Meinung nicht laut auszuposaunen. Jede Menge Leute also im Biomarkt. An sich ja etwas Gutes – Menschen, die darauf achten beispielsweise ungespritztes Gemüse zu kaufen, um damit sich selbst UND der Umwelt einen Gefallen zu tun. Nicht doch! Um die Umwelt scheint es den meisten hier nicht zu gehen. Oder wie ist es zu erklären, dass die Frau neben mir 7 (!!!) verschiedene Plastiktüten im Wagen liegen hat? Die sind keineswegs gefüllt mit empfindlichen, schwer zu transportierenden Dingen wie Pilzen oder Cocktailtomaten. Im Gegenteil: Darin befinden sich Äpfel, Orangen, Möhren, Paprika, Auberginen…. Warum um alles in der Welt kann sie die nicht lose transportieren? Ist das wirklich so schwer? Nach dem Bezahlen steckt man das lose Obst und Gemüse in mitgebrachte Beutel und gut ist es. Kein Verpackungsmüll. Ganz einfach!

Vermeidung von Plastikmüll

Warum stecken die Menschen alles in Plastiktüten? Nur weil sie da sind? Eine Freundin von mir meinte, das müsste doch wirklich jeder selbst entscheiden, ob er Plastikbeutel wählt oder nicht. Wirklich?

Eine Billion Tüten – auf diese Anzahl wird der jährliche, weltweite Plastiktütenverbrauch geschätzt. Das schreibt die Deutsche Umwelthilfe. Der Konsum von Plastiktüten trägt zu wachsenden Müllbergen in vielen Teilen der Welt bei und belastet Mensch und Umwelt. Nur ein Bruchteil der global verbrauchten Plastiktüten wird recycelt. Rund 90 Prozent landen auf Mülldeponien, in Straßengräben, Flüssen und irgendwann im Meer. Bis Plastiktüten vollständig zerfallen benötigen sie je nach eingesetztem Kunststoff 100 bis 500 Jahre. Die Deutschen verbrauchen pro Jahr und Kopf 65 Plastiktüten. Macht 5,3 Milliarden Plastiktüten. 10.000 Tüten pro Minute. Es wird Zeit, bei sich selbst anzufangen und keine Plastiktüten mehr zu konsumieren.

Ein Planet aus Plastik

Natürlich sind die Tüten längst nicht das einzige Problem. Heutzutage ist alles in Plastik verpackt. Machen wir uns nichts vor: Wenn man aus dem Laden kommt,finden sich immer in Plastik verschweißte Dinge im Korb. Käse, Frischkäse, Joghurt, Tofu, Frühstücksflocken, Cornflakes, Trockenobst, Klopapier, Küchenrolle… Wenn man das alles nicht mehr kaufen würde wegen der Verpackung, dann wäre der Einkauf sehr überschaubar. Ganz ohne geht es also nicht. Noch nicht. Ich setze auf die ersten „Unverpackt“-Märkte, die in Deutschland grad entstehen. Vielleicht werden wir uns schon in wenigen Jahren wundern, warum wir damals alles in Plastik verpackt haben…

Das Foto habe ich vor einiger Zeit an einem idyllisch gelegenen See im Kreis Steinfurt gemacht.

Das Foto habe ich vor einiger Zeit an einem idyllisch gelegenen See im Kreis Steinfurt gemacht.

Im vergangenen Sommer waren wir in Spanien. Wenn ich im Meer plantsche, und mir Plastikfolie ins Gesicht schwimmt, dann ärgere ich mich. Wenn ich auf einen Felsen hinaufklettere und dort liegen Cola- und Bierdosen, Fanta- und Spriteflaschen, Plastiktüten… – dann könnte ich schreien! Früher habe ich nur geschrien, nun räumen wir den Müll der anderen auch auf. Am Ende eines jeden Strandtages haben wir eine Tüte Müll zum Container getragen, der uns nicht gehörte. Okay, bringt nichts, Schwachsinn… sagen die einen. Ich finde auch an dieser Stelle wieder einmal, dass jeder nur bei sich selbst anfangen kann. Wie soll denn unsere Erde sauberer werden, wenn jeder nur denkt „So ein Dreck“ und ihn dann liegen lässt?

Müll am Meer

In Spanien hatten wir die kleinen Buchten, zuvor in Frankreich langgezogene Strände. Geht man etwas spazieren, weg vom Massenstrand, der jeden Abend gesäubert wird, dann kommt man recht schnell an den Abschnitt, an den der Müll angeschwemmt und nicht weggeräumt wird. Ich habe da so viel Zeugs liegen sehen… Und nicht nur Dosen, Flaschen und Tüten. Sondern auch Farbeimer, Ölfässer, Fischernetze, Schiffsplanen zum Abdecken von Frachtgut. Unsäglich. Vor einiger Zeit habe ich mit Dr. Kim Detloff telefoniert. Er ist Leiter Meeresschutz beim NABU in Berlin und verantwortet das Projekt „Fishing for Litter“, was „Nach Abfall fischen“ bedeutet. Er und seine Mitstreiter wollen verhindern, dass das Meer zu einer einzigen Müllkippe wird.

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Dr. Kim Detloff (3.v.l.) zeichnet verantwortlich für „Fishing for Litter“. Foto NABU

Seit 2011 sammeln Fischer an Nord- und Ostsee deshalb Abfälle, die in ihren Netzen hängen bleiben, und entsorgen sie in Containern, die in ihren Häfen bereitstehen. Analysieren. Aufräumen. Sensibilisieren. Das sind die drei Ansätze des Projektes „Fishing for Litter“. „Wir wollen wissen, woher der Müll kommt. Wer ihn ins Meer eingebracht hat“, erklärt Kim Detloff. Des Weiteren tragen die Fischer zur Reinigung von Nord- und Ostsee bei, indem sie den gefundenen Müll mit an Land bringen. Und schließlich werden sowohl die Fischer, als auch die Menschen, die am Meer leben, und die Touristen sensibler für das Thema, werfen (hoffentlich) nichts mehr aktiv über Bord und nehmen ihr „Strandgut“ mit zum nächsten Abfalleimer. „Jede Plastiktüte, die nicht im Meer landet, ist eine gute Plastiktüte“, findet Kim Detloff.

Träumen tut er nicht mehr

Längst hat er sich von dem Traum verabschiedet, „dass wir die Meere je wieder sauber bekommen“. Er sagt: „Es geht darum, zu verhindern, dass neuer Müll hineinkommt.“ Derzeit sind das jährlich und weltweit zehn Millionen Tonnen Müll, die im Meer landen. Nimmt man bei einem Elefanten ein Gewicht von sieben Tonnen an, dann wären das knapp 1,5 Millionen Dickhäuter, die man im Meer versenkt. „Da klingen die drei Tonnen Müll, die wir bislang rausgeholt haben, wie ein Tropfen auf den heißen Stein“, weiß der NABU-Mann. „Fishing for Litter“ ist ein Anfang und nur ein Baustein zur Rettung der Meere.

In Ägypten habe ich vor einigen Jahren solche Müllberge in Wohnvierteln fotografiert.

In Ägypten habe ich vor einigen Jahren solche Müllberge in einem Wohnviertel fotografiert.

Über die Nordsee weiß man, dass „75 Prozent der Abfälle Kunststoffabfälle sind, die über Flüsse oder von den Stränden aus ins Meer gelangen“. Es ist ein gefährlicher Müll. „Plastik wird immer feiner zerrieben und landet so in der Nahrungskette“, erklärt Kim Detloff. Zunächst nehmen planktonfressende Meerestiere wie Garnelen und Fische, aber auch filtrierende Lebewesen wie Muscheln diese giftigen Verbindungen auf. Letzten Endes isst sie dann der Mensch. Jährlich sterben weltweit bis zu einer Million Seevögel und 100.000 Wale, Delfine und Robben an den Folgen von Plastikabfällen, beispielsweise weil diese ihre Speiseröhren und Mägen verschließen.

Müll im Meer ist beileibe kein neues Phänomen. Seit den 1970er Jahren versuchen Naturschutzverbände über Gesetze und regionale Abkommen zu verhindern, dass Kunststoffabfälle in die Ozeane gelangen. Nichts hat die Müllflut bisher aufhalten können. Auch ein Grund dafür, dass jeder Mensch bei sich selbst anfangen muss und Plastikmüll vermeidet, wann immer es geht.

Wer mehr wissen möchte, sollte in der Broschüre des NABU blättern.

Wer mehr wissen möchte, sollte in der Broschüre des NABU blättern.

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