Nachgedacht, Weggefahren
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Auf dem Erdlingshof

Liebe Leute, da bin ich wieder. Irgendwie war ich nach der Sommererholung direkt in den Winterschlaf gefallen. Bis jetzt! Demnächst gibt es auf Grüne Tomaten wieder öfter was zu lesen. Heute möchte ich euch von meinem Besuch auf dem Erdlingshof, einem Lebenshof für ehemalige Nutztiere im Bayerischen Wald, erzählen. Der Trip ist schon einige Monate her, der Artikel dazu aber gerade erschienen – und zwar in der aktuellen natürlich, die in Deutschlands Reformhäusern ausliegt.

Morgens um sieben. Das Leben auf dem Erdlingshof erwacht, der Tag beginnt. Während die Sonne erst langsam aufgeht und die Hügel der malerischen Umgebung noch in Nebel getaucht sind, treten Birgit Schulze und Johannes Jung, die beiden Betreiber des Lebenshofes, aus der Tür und beginnen ihren Rundgang. Zuerst öffnet Birgit die Tür des Hühnerhauses. Gackernd kommen drei braune und zwei weiße Hühner zum Vorschein. Derweil hört man aus dem Häuschen nebenan schon ein Klopfen. Es sind Joy und Emma, zwei ehemalige Versuchskaninchen, die diesen Lärm machen. Sie wollen hinaus in ihr Außengehege. Birgit öffnet auch diese Tür, flugs hoppeln die beiden nach draußen.

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Johannes kommt mit dem blinden Huhn Hannah auf dem Arm aus dem Wohnhaus. »Die anderen Hühner akzeptieren Hannah leider nicht«, erzählt er. »Daher verbringt sie die Nächte in einem kleinen Stall in unserer Küche.« Tagsüber ist das blinde Huhn im Außengehege bei den Kaninchen. Hier findet es sich zurecht, hier fühlt es sich wohl.

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Als Nächstes kommen laut schnatternd die Gänse Möp Möp, Claudia und Evaliina aus ihrem Nachtlager. Sogleich watscheln sie hinüber zu den Rindern und Pferden, die sich einen großen Stall mit davorliegendem gepflasterten Platz, ausgestattet mit Heuraufen und Liegematten, teilen. Die Tiere können jederzeit einen eingezäunten Weg hinuntergehen, an dem sich eine Tränke und am Ende eine große Koppel befinden. Bulle Ben frisst gerade genüsslich sein Heu. »Er kam mit anderthalb Jahren auf den Erdlingshof. Gleich nach der Geburt war er von seiner Mutter getrennt worden, sein Leben hat er auf einem Mastbetrieb in einem winzigen Stall verbracht, das Tageslicht hat er nie gesehen«, beschreibt Birgit. Auch hieß er noch nicht Ben, sondern 01708. Dass er noch lebt, verdankt er einer Frau, die bei Bens Mäster regelmäßig Heu für ihre Haustiere holte. Sie mochte den Bullen und überredete den Besitzer, ihn ihr zu überlassen. Sie bat den Erdlingshof, dem Bullen ein Zuhause zu geben. Heute ist sie eine von Bens Patinnen.

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Johannes erzählt: »Ben ist unser Schmusebulle. Man kann ihn streicheln, er ist sehr sanft.« Ein sanfter Riese, der tausend Kilogramm auf die Waage bringt. »Ben wie auch all die anderen männlichen Rinder sind der Ausschuss der Milchindustrie«, erklärt der Tierschützer. »Ihre Mütter werden jedes Jahr geschwängert, damit sie den Menschen ihre Milch liefern. Und ihre Kälber werden ihnen weggenommen.« Bens Geschichte erzählt er Schulkindern, Jugendgruppen und Erwachsenen, die regelmäßig zu Besuch kommen. »Zum einen retten wir Tiere und geben ihnen hier ein Zuhause, zum anderen leisten wir mithilfe ihrer Geschichten Aufklärungsarbeit«, sagt Johannes. »So wollen wir ein Zeichen setzen gegen die aktuellen Zustände in der Massentierhaltung. Wir wollen zeigen, dass Tiere keine Lebensmittel, sondern fühlende Lebewesen sind.«

Der Erdlingshof ist seit 2014 das gemeinsame Herzensprojekt von Birgit Schulze und Johannes Jung, dafür arbeiten sie sieben Tage die Woche, oft bis spätabends. Urlaub steht dabei nicht im Kalender. Die Tiere allein lassen, um an irgendeinem Strand zu liegen? Nein. Ohne Hilfe von außen würden die beiden die viele Arbeit, die so ein Lebenshof macht, indes kaum schaffen. Unterstützung bekommen sie von zwei Bundesfreiwilligen, die je für ein Jahr auf dem Hof arbeiten, sowie von Ehrenamtlichen, die für einige Tage aushelfen. Das Projekt verursacht immense Kosten für Unterbringung, Futter, Tierärzte und Rettungsaktionen. »Das können wir nur dank der vielen Menschen stemmen, die uns mit Patenschaften unterstützen und Geld für uns sammeln«, beschreibt Birgit. Auch Unternehmen, die mit veganen Lebensmitteln erfolgreich am Markt sind, unterstützen den Erdlingshof.

Ein Zeichen setzen gegen
die Zustände in der Massentierhaltung

Die Gänse sind längst weitermarschiert und haben die Schweinewiese erreicht. Hier stehen Ronja und Hannibal, zwei junge Wildschweine, erwartungsvoll am Gatter. Sie wissen, dass kurz nach den Gänsen auch Johannes und Birgit kommen werden, um ihnen ihr Frühstück zu bringen: frisches Gemüse. Schnell checken sie überdies, dass der fremde Besucher – also ich – in seinem Stoffbeutel noch etwas viel Besseres versteckt: Eicheln. Da kann man doch mal auffordernd mit der Nase gegen den Beutel und gegen den Besucher stupsen. Also schnell die Eicheln auf dem Boden verteilen, bevor es Streit gibt. Begeistert und laut schmatzend saugen sie die Eicheln mit ihren Rüsseln ein.

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Ronja und Hannibal wurden als hilflose Frischlinge im Wald gefunden, die Mutter war verschwunden, »wohl von einem Jäger erschossen«, vermutet Birgit. So stehen die beiden Wildschweine beispielhaft für das kontrovers diskutierte Thema Jagd. Hektisch erscheinen nun Carsten und Totoro, zwei Hausschweine, auf der Bildfläche. Es gilt zu verhindern, dass die Wildschweine ihnen alle Eicheln vor der Nase wegschnappen. Beide Schweine stammen aus Massentierhaltungsbetrieben. Ihnen wurden als Ferkel ohne Betäubung die Zähne abgeschliffen sowie Ringelschwanz und Hoden abgeschnitten. Beide verdanken es glücklichen Zufällen, dass sie nicht als Schnitzel auf irgendwelchen Tellern landeten. Carsten war ein Geburtstagsgeschenk und sollte später, so der Wunsch der Schenkenden, als Spanferkel enden. Die Beschenkte brachte das nicht übers Herz, sorgte dafür, dass er eine neue Heimat auf dem Erdlingshof bekam, und fungiert seither als seine Patin.

Wo sich Schwein und Gans
freundschaftlich »Hallo« sagen

Die Gänse haben ihren Rundgang beendet. Sie haben es sich auf ihrer Wiese an ihrem kleinen Swimmingpool gemütlich gemacht. Jeder, der sich nähert, wird mit einem lauten Schnattern begrüßt. Auch Hängebauchschwein-Dame Bonnie. Sie lebt zusammen mit den Gänsen, teilt sich mit ihnen das nächtliche Bett im weichen Stroh. Möp Möp und Bonnie waren schon im Tierheim befreundet, kamen gemeinsam auf den Erdlingshof. Das Hängebauchschwein war seinen Besitzern zu groß geworden, so entledigten sie sich seiner kurzerhand. Nun läuft Bonnie gemächlich über die Wiese und schaut, was die Welt mittags um zwölf zu bieten hat. Auf jeden Fall einige Birnen, die vom Baum direkt vor ihre Füße gefallen sind. Lecker! Manchmal kann so ein Tierleben richtig schön sein.

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Die zwei Fotos unten haben Birgit und Johannes heimlich von mir gemacht 😉 Ich mag sie so sehr, weil beide zeigen, wie viel Spaß Arbeit machen kann. Auf dem einen miste ich (entferne also die Hinterlassenschaften der Rinder und Pferde ;-), auf dem anderen schreibe ich an meinem Artikel – in der Sonne sitzend, mit den Tieren um mich herum.

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Falls ihr euch den Artikel als PDF anschauen wollt: 46-49_vor_ort_01_17

Und hier das bei dem Besuch entstandene Video: 

Mehr über den Erdlingshof erfahrt ihr hier oder auf facebook.com/erdlingshof

Fotocredits:
Jörg Sänger/Territory CTR GmbH (mein lieber Kollege)
Erdlingshof und ich selbst

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