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Piep, piep, piep, wir haben ihn sehr lieb

Stieglitz, Distelfink, Distelzeisig oder wissenschaftlich Carduelis carduelis: Der farbenprächtigste Singvogel Europas hat viele Namen. Jetzt hat er noch einen weiteren, einen bedeutsamen: »Vogel des Jahres 2016«.

Für das Magazin »natürlich« habe ich den Stieglitz vor einigen Monaten gesucht. Und auch gefunden. Das war in Berlin. Vergangene Woche habe ich dann zufällig einen beim Joggen gesehen. Auf einem Zaun, der eine Kuhwiese umschließt, saß der bunte Vogel und sprang gleich darauf in eine Pfütze, um zu baden. Ich war total begeistert, denn Landschaften wie das Münsterland sind genau der Grund, warum der kleine Preisträger bedroht ist. Hier nun seine Geschichte für euch.

»Heute gibt es nur noch halb so viele Stieglitze wie 1990«, sagt Lars Lachmann, Referent für Ornithologie und Vogelschutz beim NABU. Gab es damals 800.000 Brutpaare in Deutschland, sind es heute nur noch rund 400.000. »Mit der Auszeichnung ›Vogel des Jahres‹ möchten wir ein bestimmtes Naturschutzproblem aufgreifen«, erklärt Lars Lachmann. »Meist handelt es sich um eine Art, die stark abnimmt – wie der Stieglitz. Er ist daher ein typischer Jahresvogel.« Zwar ist der kleine bunte Fink keine vom Aussterben bedrohte Art. Dennoch deutet sein Verschwinden auf Probleme hin. Lars Lachmann erzählt von ihnen, während wir an der U-Bahn-Station »Naturkundemuseum« in Berlin-Mitte aussteigen. Hier in der Nähe – mitten in der Stadt – gibt es Stieglitze, weiß Lachmann. Und möchte uns einige zeigen.

Diese Vögel leben in der Stadt und auf dem Land

Wir laufen die Zinnowitzer Straße entlang. Lars Lachmann erzählt, dass 40 Prozent der Stieglitze in der Agrarlandschaft leben. Man muss kein Fachmann und kein Prophet sein, um zu wissen, welche Probleme der Vogel hier hat. Aufgrund von Monokulturen, der übertriebenen Nutzung von Pflanzenschutzmitteln sowie mineralischen und organischen Düngemitteln und fehlenden naturnahen Flächen findet der Stieglitz weder Nahrung noch Nistmöglichkeiten vor. »Bis 2007 mussten die Landwirte sieben Prozent ihrer Flächen brach liegen lassen«, erklärt Lars Lachmann. Selbstredend nicht aus Naturschutzgründen, sondern wegen der Überproduktion von Nahrungsmitteln. Dann wurde das Gesetz einkassiert. »Heute sind von den im Jahr 2007 brach liegenden Flächen gerade einmal fünf Prozent übrig«, sagt Lars Lachmann. Fünf Prozent. Das heißt, dass nur ein winziger Bruchteil aller Landwirte eine Fläche unbewirtschaftet lässt. Auch Randstreifen mit Blumen und Wildkräutern an Feldern und Wegen werden immer weniger und artenärmer. Hier – in der Natur – ist kein Platz mehr für den Stieglitz.

Sie benötigen Wildblumenwiesen

Die anderen 60 Prozent der Vögel leben im Siedlungsraum. Also mitten unter uns. Aber: »Früher gab es viele Bauerngärten«, beschreibt Lars Lachmann. »Mit Blumen, Kräutern und Pflanzen mit feinen Samen, die der Stieglitz als Futter benötigt.« Heute sehen viele Gärten ganz anders aus. »Sie haben eine Hecke und eine Rasenfläche«, sagt der Ornithologe. »Vielleicht noch Rosen und Dahlien.« Doch die helfen dem Stieglitz nicht, da sie geschlossene Blüten haben und keine Samen. »Auch die Bewirtschaftung öffentlicher Parks ist problematisch«, sagt er. Denn hier finden sich nur selten Wildblumenwiesen und meistens Grünflächen. Und schließlich entstehen neue Baugebiete, während brach liegende Flächen und alte Streuobstwiesen verschwinden. Wo soll er da noch hin, der kleine Singvogel?

Stieglitz (1)Beispielsweise hierher. Wir sind am Zielort angekommen. Lars Lachmann macht eine ausschweifende Handbewegung, zeigt – mitten in Berlin – einen idealen Lebensraum für den kleinen bunten Vogel. In der Nähe des Nordbahnhofes unterhalb der U-Bahn an der Zinnowitzer Straße gibt es eine Brachfläche, wie der Stieglitz sie benötigt. Wir stehen auf einem ehemaligen Bahngelände. Schotter bedeckt den Boden, die alten Bahngleise sind noch vorhanden. Hier gibt es Bereiche, die nicht zuwachsen. Birken haben sich angesiedelt. Nachtkerzen gedeihen ebenso wie Disteln und wilde Karden. Die, oder besser gesagt ihre Samen, mag der Stieglitz besonders gern. Daher heißt er auch Distelfink. »Die Karden stehen sehr hoch, hier findet der Stieglitz auch im Winter und sogar bei Schnee noch seine Samen«, erklärt Lars Lachmann.

Eine Brachfläche mitten in Berlin dient dem Finken als Lebensraum

Der Ornithologe deutet auf die Kanadische Goldrute. »Schön, nicht wahr? Man sieht hier, wie wunderbar so eine Art Park sein kann.« Wilder. Natürlicher. Bunter. Menschen gehen spazieren. Die Welt scheint in Ordnung. Im Ruhrgebiet findet man solche Gebiete häufiger: alte Industrieflächen, denen man einige Elemente wie in einem klassischen Park gegeben hat. Mit Parkbänken und Grünflächen, auf denen die Menschen Ball spielen oder in der Sonne liegen können. In denen aber auch die Natur zu ihrem Recht kommt. Wo sie selbst entscheidet, was zwischen dem Schotter wächst und was nicht. »Das schränkt die Menschen ja nicht ein«, sagt Lars Lachmann. Das Ziel des NABU: solche Flächen in Deutschland wieder populärer zu machen, damit Vögeln wie dem Stieglitz nicht die Lebensgrundlage entzogen wird.

»Für unseren Jahresvogel wird es in Deutschland inzwischen eng«, sagt NABU-Vizepräsident Helmut Opitz. Seine Tipps, um den Lebensraum des farbenfrohen Finken zu erhalten: »Unbelassene Ecken in Gärten, an Sport- und Spielplätzen, Schulen, Ackerflächen oder Straßenrändern.«

Was ihr tun könnt

Lars Lachmann beschreibt, wie man den Stieglitz in seinen Garten locken kann. »Nigersaat« kaufen und in kleine Futtersilos füllen, aus denen die feinen Samen nicht herausfallen können. »So füttert man den Vogel an, irgendwann wird er auftauchen«, verspricht er. Auch das Anlegen von Blühflächen mit Stieglitz (2)heimischen Wildkräutern sowie Obstbäumen und der Verzicht auf Pestizide helfen dem zierlichen Finken. Doch das allein ist nicht genug. »Überregional kann nur eine Reform der bestehenden EU-Agrarverordnungen und -Förderinstrumente den Verlust landwirtschaftlicher Brachflächen stoppen. Aber auch in Städten und Gemeinden werden Konzepte benötigt, damit es mehr Wildnis am Straßenrand und auf grünen Flächen gibt«, sagt Norbert Schäffer. Er ist der Vorsitzende des Landesbundes für Vogelschutz (LBV), der gemeinsam mit dem NABU regelmäßig den »Vogel des Jahres« wählt.

Wie aus den Tropen

Wir haben den Stieglitz übrigens gefunden. Lars Lachmann hört ihn singen: »Da oben im Baum, da sitzt er.« Er zwitschert sein typisches »Stiglit« und »Didelit«. Hübsch anzuschauen ist der kleine Fink mit seiner leuchtenden roten Gesichtsmaske auf dem weiß und schwarz gefärbten Kopf. Mit der gelben Flügelbinde an den schwarzen Flügeln könnte der bunte Vogel direkt aus den Tropen hierher geflogen sein.

Kleine Info:  NABU und LBV haben die Aktion »Bunte Meter für Deutschland« ins Leben gerufen. Ziel ist es, möglichst viele Meter wildkrautreicher Grünflächen als neue Lebensräume für den Stieglitz und andere Singvögel zu schaffen. Ob dabei Flächen mit Wildblumen neu eingesät werden, Brachflächen gerettet, Ackerrandstreifen angelegt werden oder ob Kommunen bei der Pflege von Straßenrändern auf Gift und ständiges Mähen verzichten – alles ist möglich. Auf einer Deutschlandkarte werden diese Entwicklungen und Projekte dann dokumentiert.

http://www.Vogel-des-Jahres.de
http://www.NABU.de/buntemeter

 

2 Kommentare

    • Da, wo du wohnst, könntest du aber mal Glück haben. Achte bei deinen nächsten Wanderungen noch mehr drauf. Ich wünsche dir viel Glück! 🙂

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