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Geschichten vom Fuchs und vom Huhn

Vom letzten münsterschen Flohmarkt hat mein lieber Freund Michael mir diesen Teller mitgebracht. Wie geschaffen für Veganer, findet er. Herzallerliebst, mit welcher Würde das Huhn dem Fuchs die Möhre zum Essen reicht. Und der Fuchs die Speise mit gesenktem Blick und wie zum Beten gefalteten Händen annimmt. Ein tolles Motiv. Wenn nur das Messer nicht auf dem Tisch läge …

Ob er im nächsten Moment zusticht, um doch lieber das Huhn statt der Möhre zu verspeisen? Den Gedanken kann ich nicht abschütteln. Ist dies mehr als ein lustiges Tierbild?

Das Motiv stammt vom Meister der Karikatur, der bewussten Überzeichnung und Verfremdung, um die dahinterliegende Wahrheit sichtbar zu machen – Andreas Paul Weber (1893-1980). Sein bekanntestes Werk: „Das Gerücht“.

Der Fuchs, so liest man, war ein ständiger Begleiter in Webers Bilderwelt. 1960 beispielsweise veröffentlichte der Künstler ein Büchlein mit 54 Zeichnungen und Lithographien von Fuchs-Motiven unter dem Titel: „Mit allen Wassern. Neue Geschichten vom alten Fuchs“. Was Weber am Fuchs so mochte? „Er schätzte die Listigkeit und Schläue, aber auch die Unangepaßtheit, die Unverfrorenheit gegenüber der Obrigkeit, die Reineke an den Tag legte. So ist der Fuchs der sympathische Schlaumeier, der die Fährnisse des Lebens zu meistern weiß, aber auch eine problematische Figur, die bis an die Grenzen des Erlaubten geht – und oftmals darüber hinaus“, schreiben Helmut Schumacher und Klaus J. Dorsch in ihrem Buch „A. Paul Weber: Leben und Werk in Texten und Bildern“.

Und was ist nun der Fuchs auf meinem Teller? Sympathischer Schlaumeier? Der Freund des Huhns? Oder listiger Zeitgenosse? Ist das Huhn also in Gefahr?

Mir gefällt, dass Webers Tiere dem Betrachter menschliche Schwächen vor Augen führen, ohne ihn zu sehr zu verletzen. Auf den ersten Blick erscheinen die Motive einfach lustig. Erst auf den zweiten entdeckt man ihren gesellschaftskritischen Anspruch. So etwa beim „Festschmaus“, wo Maulwurf und Gans es sich wohl sein lassen. Oder bei der „Diskussion am runden Tisch“, wo Schwein, Schaf, Esel und Co. lautstark debattieren. Man sieht gleich eine heutige Fernsehdebatte vor sich, mit dem „dummen Esel“, der am lautesten schreit. Ein Schelm, wer da womöglich an Björn Höcke von der AfD und seinen von rechter Hetze und peinlichem Patriotismus geprägten Auftritt in Günther Jauchs Sendung vom vergangenen Sonntag denkt.

A. Paul Weber hat aber auch so genannte „possierliche Tierbilder“ gemalt, solche ohne satirischen Hintergrund. Vielleicht ist so eines ja meines. Niedlich und nett. Fuchs und Henne als Freunde… Der Teller stammt übrigens aus der Serie „Die Welt der Tiere“ von 1979, er ist limitiert auf 3000 Stück, ich besitze Nummer 421. Es gibt weitere Motive mit Hund und Katze, zwei Maikäfern, zwei Raupen, zwei Schweinchen etc.

Fuchs-und-Henne-Welt-der-Tiere-Weber (4)

Bei meinen Recherchen über A. Paul Weber erfuhr ich, dass er mit seinen Bildern häufig gegen die Zerstörung der Umwelt kämpfte. Im „Kritischen Kalender 1975“ veröffentlichte er die Lithographie „Botanik 2000“. Hier liest ein Lehrer mit Blindenbrille seiner Klasse aus einem Buch etwas über einen Baum vor, der einsam in einer lebensfeindlich verbauten Umwelt verkümmert. „Geschützt“ durch ein Gitter. Eine alte Frau mit ihrem Hund und ein Rollstuhlfahrer gehören wie der Baum zu den Randgruppen der Gesellschaft, während im Hintergrund Menschen an den großen Plakaten der Konsumtempel vorbeilaufen. Die Endlagerung von Atommüll, das Bild heißt passenderweise „Entsorgungspark“, war Thema im Kalender von 1978: Der Tod wartet neben den Atommüllfässern auf dem Meeresgrund und sieht erwartungsvoll nach oben.

Der Spiegel schrieb 1980 zu seinem Tode: „Mit den Mächtigen hatte der wortkarge Zeichner nichts im Sinn. Seine Liebe galt den Kindern, Tieren und Gefangenen. 1914 nahm man von Amts wegen dem Autodidakten den Griffel aus der Hand und steckte Weber in des Kaisers grauen Rock. Die Nazis, deren Führer er 1932 hellsichtig als ein „deutsches Verhängnis“ porträtiert hatte, nahmen den parteilosen Linken in „Schutzhaft“. Webers dunkle, oft pessimistische Lithographien, gezeichnet im Stil Goyas und Daumiers, fanden erst spät Anerkennung: 1971 verlieh ihm Bundespräsident Heinemann das Große Bundesverdienstkreuz, in Ratzeburg wurde ein repräsentatives A.-Paul-Weber-Museum eröffnet. Dort hängt seither „Das Gerücht“, sein bekanntestes Werk. Das Alter machte den Thüringer Beamtensohn weder sanft noch faul. Jahr für Jahr produzierte der „Kauz“ (Selbstzeugnis) einen „Kritischen Kalender“.“

Wer mehr über den Künstler A. Paul Weber wissen will, der schaut hier:

www.weber-museum.de

4 Kommentare

  1. Klasse! Kann ich gut nachvollziehen, dieses plötzliche Gepacktsein und Recherchierenwollen, ausgelöst durch dies und das, toll, wenn man dann sogar noch mit interessanten Ergebnissen und Erkenntnissen belohnt wird! 🙂 Danke für den schönen Artikel.

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    • Hallo Türmerin, freut mich, dass dir der Artikel gefallen hat 🙂 Ich finde es auch toll, wenn sich aus einer kleinen Idee eine schöne Geschichte entwickelt – so wie es bei deinen Erzählungen auch oft der Fall ist.

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