In Erfahrung gebracht
Kommentare 9

Kräuterwanderung im Münsterland

Schon lange nervte es mich bei Spaziergängen, dass ich nicht wusste, was da so am Wegesrand wächst. Löwenzahn und Wegerich, die kannte ich. Aber sonst? Man müsste mal eine Kräuterwanderung machen, dachte ich. Am Samstag war es endlich soweit! Wir hatten eine solche Wanderung bei Jürgen Silbach in Greven-Gimbte gebucht. Es war toll! Wir haben viel gelernt – immerhin so viel, dass wir am Abend unseren ersten Wildkräutersalat selbst zubereitet haben (dazu später mehr). Sogar mein Sohn, der auf Unbekanntes auf dem Tisch – sagen wir – vorsichtig reagiert, fand ihn „saulecker“.

Am Samstagmorgen treffen sich 12 Menschen – jüngere, ältere, Frauen und Männer – bei Jürgen Silbach im Garten. Hier will er uns die ersten Pflanzen vorstellen. Er spricht von den neun heiligen Kräutern, die aufgrund ihrer positiven Wirkungen auf Körper und Geist schon seit Jahrhunderten von den Menschen genutzt werden – welche das sind, unterscheidet sich aber DSC_0517wohl von Region zu Region Als erstes lernen wir den Gundermann kennen. Lustiger Name, finde ich. Und lecker. Schmeckt minzig. Er macht sich gut im Wildkräutersalat, schmeckt aber auch feingehackt als Pesto oder Butter. Der Gundermann wächst in nahezu jedem Garten, unter Hecken und auf Wiesen.  Kleine violette Blüten schmücken die bei Bienen beliebte Rankenpflanze von März bis in den Sommer hinein. Die leicht gekerbten nieren- oder herzförmigen Blätter sind reich an Vitamin C, Kalium und Kieselsäure. Gund ist ein altes Wort für Eiter, erklärt Jürgen. Früher sagte man wohl, „… um den Gund aus dem Körper zu bekommen“. Der Gundermann ist die Pflanze schlechthin für Wunden, weil er antibakteriell wirkt. Man kann ihn als Saft, Tee oder Tinktur bei vielen Krankheiten für sich nutzen. Interessant ist, dass der Gundermann uns so gut tut und schmeckt, aber für viele Säugetiere, besonders für Pferde, giftig ist.

Jürgen berichtet von einer grünen Soße, die er sich aus Wildkräutern bereitet hat. Neulich, als DSC_0576er am Edersee war. Dort hat er ganz viel Vogelmiere gefunden – sie mag er ganz besonders. „Man hat das Gefühl, man isst Power aus der Natur pur“, schwärmt er. In seinem Garten wächst sie nicht. Aber wir werden sie später bei unserer Wanderung auftreiben. Die Vogelmiere ist „eine ganz unscheinbare Pflanze“, wächst tief am Boden, ist winterhart, so dass man sie auch im Winter sammeln und für einen Salat verwenden kann. Sie ist aufgrund von Sekundärstoffen und einem hohen Vitamin-C-Gehalt sehr gesund.

Jürgen schweift ein wenig ab. Er meint, in der Natur sei alles vorhanden, was wir brauchen und das auch noch umsonst. Die Kräuter wollen von uns gesammelt werden – „warum sonst wachsen sie ums Haus herum, immer in der Nähe der Menschen?“ Klingt stimmig. „Wir sollten sie uns ins Leben zurückholen, findet Jürgen. Da hat er recht. Und deshalb sind wir heute ja auch hier. Weil wir die Kräuter zurück in unsere Küchen, auf unsere Teller holen wollen. 😉 Viele dieser Wildkräuter schmecken bitterer als die Kräuter, die wir heute gewöhnt sind. „Die Bitterstoffe wurden weggezüchtet“, sagt Jürgen. Dabei sind sie wichtig, sie helfen dem Körper zu entschlacken, sich zu reinigen.

Entschlackung, das Thema liegt ihm. Er erzählt uns, dass er das zweimal im Jahr macht, im Frühjahr und im Herbst. Dann trinkt er täglich 1 1/2 Liter selbstgemachten Brennnessel-Tee – im Frühjahr aus den frischen Blättern, im Herbst aus den Wurzeln. Später wird er uns zeigen, wie DSC_0533man Brennnesseln pflückt, ohne sich zu verbrennen. „Man packt die Pflanze unten, zieht sie von unten hoch, so dass die Härchen auf der Unterseite der Blätter sich anlegen“, erklärt er und macht es vor. Einige  von uns probieren es aus, nicht allen gelingt es. Ich vertraue da lieber meinen dicken Handschuhen, mit denen ich Brennnesseln pflücke. Die Brennnessel ist übrigens die dritte der neun heiligen Pflanzen, die Jürgen uns heute vorstellen will. Die Blätter übergießt er mit kochendem Wasser, lässt den Tee zwei Minuten ziehen und presst sie dann aus. Aus dem übrigbleibenden Häuflein macht er sich flugs ein Brennnessel-Gemüse. Einfach in Streifen schneiden und mit Knoblauch, Olivenöl und Soja-Sahne anbraten. Klingt lecker. Muss ich demnächst unbedingt mal ausprobieren.

Und noch eine kleine Geschichte zur Brennnessel. Früher machte man aus ihr Nesselstoff. Dieser war so strapazierfähig, dass man die Kleidung jahrzehntelang tragen konnte. Ähnlich wie Hanfstoff, den man mittlerweile wieder bekommt, wenn man nach alternativen, nicht von Billiglöhnern in Bangladesh hergestellten, Klamotten sucht. Auch die Brennnessel wurde früher zu Heilzwecken eingesetzt. Man peitschte sich mit ihr aus, um die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Und so findet Jürgen auch, dass die Brennnessel wie ein „stolzer Krieger“ wirkt. Kann man so sehen, ja.

Nun aber weiter. Oder vielmehr zurück. Zurück zu den neun heiligen Kräutern. Der Beifuß ist die Nummer Vier. „Früher haben die Menschen ihn sich in die Schuhe gelegt“, sagt Jürgen. Er hat verhindert, dass bei den kilometerlangen Wanderungen die Füße zu schnell ermüden. Daher wohl auch der Name: Bei Fuß. In der Küche kann man ihn als Würzmittel nutzen. Jürgen hängt sich Beifuß-Sträuße in die Fenster, denn Insekten mögen den Geruch der Pflanze nicht. Sie verziehen sich. Die Indianer verwenden Beifuß ebenso wie die Nepalesen. „Der Beifuß ist mehr eine Ritualpflanze, als ein Küchenkraut“, sagt Jürgen. Meist räuchert man mit ihm Räume aus, um böse Energien zu vertreiben.

Jetzt ist der Giersch an der Reihe. Ich kannte ihn vom Namen, hätte ihn aber nicht erkannt. Der Gärtner hasst ihn, weil er unverwüstlich ist, und man ihn kaum aus seinem Garten DSC_0549hinausbekommt. Muss man aber auch nicht, denn er ist lecker, erinnert geschmacklich ein wenig an Sellerie. Der Giersch heißt auch Zipperleinskraut, weil er als Kraut gegen Zipperlein bekannt ist. Zipperlein wie Gicht beispielsweise. Witzigerweise wächst der Giersch nicht in Jürgens Garten. Wir werden ihn später an der Ems finden. In rauhen Mengen. Kommt der Giersch in den Wildkräutersalat, dann soll man auf jeden Fall die jungen Triebe verwenden. Ich probiere später ein größeres Blatt, und es schmeckt tatsächlich nicht besonders.

Bei den Pflanzen 6 bis 9 handelt es sich laut Jürgen um Spitz- bzw. Breitwegerich, um Gänseblümchen, Löwenzahn und Schafgarbe.

So, die erste Stunde ist rum, wir sind immer noch bei Jürgen im Garten. Nun aber los. Hinein in die münsterländische „Wildnis“, Wildkräuter finden! Wir werden ungeduldig.

Mehr über die Wanderung gibt es später.

Hier schon mal Jürgens Website: http://www.juergen-silbach.de

9 Kommentare

  1. Michael Hagel sagt

    Spannende Sache, außerdem kriegt man noch ein passt Stellen abseits der Landwirtschaft gezeigt, in denen das Münsterland noch schön ist.

    Gefällt 1 Person

  2. Henning sagt

    Großartig! Bei uns in den Baumbergen macht eine Kräuterwanderung – trotz Landwirtschaft – aber auch noch Sinn. Wälder gibt es hier schließlich reichlich. 🙂

    Gefällt mir

  3. Pit sagt

    Sehr spannend! So wie ich das sehe, kommt das „Unkraut“ aus unserem Garten demnächst nicht mehr in die braune Tonne, sondern auf den Teller. Das eine oder andere essbare ist nämlich durchaus häufig dabei, z.B. Giersch oder Gundermann. Wusste bislang gar nicht, dass man die essen kann.

    Gefällt mir

    • Ich gehe neuerdings auch mit ganz anderen Augen durch meinen Garten. Bislang wusste ich nämlich ebenfalls nicht, dass dort Giersch und Gundermann wachsen. So ist es dann wirklich einfach, abends mal einen Wildkräutersalat zu machen. 🙂

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s