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Eine vegane Dramödie

Montagabend war es soweit: Los Veganeros lief im Schlosstheater in Münster. Hauptdarstellerin Rosalie Wolff, die im Film Vicky spielt, war dabei.

Bevor der Film losgeht, kommt sie kurz nach vorne. „Lars“, der Regisseur, so erzählt sie den Leuten im fast ausverkauften Saal, „ist ein Macher“. Ohne ihn hätte es diesen Film nie gegeben. Und dabei ist Lars Oppermann nicht Regisseur von Beruf, sondern Musikproduzent. Seit drei Jahren lebt er vegan. Aber, wie es häufig so ist, bei seinen Freunden und Verwandten kommt er mit seiner Einstellung zum Leben und zu den Mitgeschöpfen nicht weit. Rosalie Wolff erzählt, wie Lars Oppermann eines Tages dachte, okay, wenn niemand meine Beiträge und Posts zur Massentierhaltung liest und mir niemand so richtig zuhört, dann mache ich halt einen Film und lasse die Leute aus meinem Bekanntenkreis mitspielen. „Dann müssen sie sich ja mit dem Thema beschäftigen“, sagt Rosalie Wolff und lacht. Und so geschieht es dann auch.

Lars Oppermann schreibt das Drehbuch und setzt den Film mit einem Mini-Budget von nur 25.000 Euro sowie über 100 Laiendarstellern um. Auch ein paar „richtige“ Schauspieler überzeugt er ohne Honorar mitzuspielen. Wie etwa Nils Brunkhorst, den viele aus Verbotene Liebe kennen. Oder Inez Bjørg David, die ebenfalls bei Verbotene Liebe mitspielte und zudem in einigen Kinofilmen wie Männerherzen dabei war. Oder Ulas Kilic, bekannt aus Serien wie Danni Lowinski und Alarm für Cobra 11. Rosalie Wolff dagegen kennt Lars Oppermann nicht. Er fragt bei ihrem veganen Onlinehandel „smilefood“ nach einem Sponsorring, Und Rosalie Wolff, die seit 13 Jahren Vegetarierin und seit vier Jahren Veganerin ist und außerdem Schauspielerin (Soko Köln, Verbotene Liebe), ist so begeistert von der Idee des Films, dass sie fragt, ob sie mitspielen darf. Sie darf. Und bekommt die Hauptrolle .

„Ich hatte nur zehn Drehtage“, erzählt Rosalie Wolff. Aber was für welche. Einmal drehen sie 36 Stunden am Stück. „Da fühlt man sich am Ende ganz komisch“, beschreibt die Schauspielerin. Einmal spielt sie eine Diskussionsszene, in der sie im Film mit einer Handvoll weiterer Menschen sitzt, völlig allein. „Alle anderen Schauspieler mussten nach Hause“, erzählt sie lachend. So ist das eben, wenn ein Film mit Laien gedreht wird. Kann der Film dann trotzdem gut sein? Um das vorwegzunehmen: Er kann! „Wir sind natürlich kein Blockbuster, kein Schweiger- oder Schweighöfer-Film“, sagt Rosalie Wolff vor Beginn des Films. So als wolle sie die Erwartungen der Zuschauer ein wenig senken.

Doch gleich zu Anfang wird klar, dass der Film professionell gemacht ist. Vicky träumt, wälzt sich hin und her. Gefangene, dreckige Menschen tauchen in ihrem Kopf auf. Dazu dröhnende Musik. Und plötzlich: ein gequältes blutiges Schwein. Schnitt. Vicky ist wach. Der Zuschauer auch.

Los Veganeros hat viele Handlungsebenen und Erzählstränge, etliche lustige und verrückte, manche traurige, zu Herzen gehende Momente und nur ganz wenige, ganz kurze blutige oder gewalttätige Szenen. Die heftigste für viele Zuschauer, möglicherweise für die Fleischesser, ist diese: Schweinemäster Granitzka ist entführt worden und liegt splitterfasernackt  in einer dieser winzigen Schweineboxen, in der die Sauen eingepfercht sind, wenn sie Nachwuchs haben. Granitzka liegt im Dreck, in seinem eigenen Kot und Urin, auf einem Spaltenboden. „So wie er es sonst mit seinen Schweinen macht“, sagt Vicky. Doch es ist nur eine Vorstellung, ein Gedanke. Soweit wollen die Tierrechtsaktivistin rund um die junge Vicky und die alte, 94-jährige Alma nicht gehen. Es gibt schließlich Menschenrechte. Aber zu gern würden sie dem Schweinemäster mal deutlich vor Augen führen, wie es seinen Tieren tagtäglich ergeht.

Der Film stellt einige vegan lebende Menschen vor. Da ist beispielsweise Lehrer Achim, der sich morgens um halb neun vor seiner Klasse mehr darüber aufregt, dass ein Schüler einen Burger von Mc Donalds verschlingt, als über die Sexszene, die einige Jungs grad auf einem Smartphone anschauen. Zack, schmeißt er den Burger aufs Pult. Und erzählt den Schülern von Jean-Jacques Rousseau. „Der Sänger?“, fragt einer. „Nee, der andere“, sagt der Lehrer mit einem verzweifelten Blick gen Himmel. Er erzählt ihnen, was Rousseau über Freiheit sagte: „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ Am Ende, nach einer Reihe von Fakten über den Zustand unserer Welt, bittet er diejenigen Schüler aufzustehen, die regelmäßig zu Mc Donalds oder Burger King gehen. Als alle, bis auf zwei Mädchen sich von ihren Plätzen erheben, fragt er: „Und? Ist das Freiheit?“

Szenenbild_AlmaDa ist die 94-jährige Alma, die Annoncen schaltet, um Menschen kennenzulernen, die die Welt verändern wollen. Entscheidend ist, was wir am Ende unseres Lebens unseren Kindern sagen können, was wir getan haben, um diese Welt ein klein wenig besser zu machen – das ist ihr Credo. Sie bringt Vicky mit den Tierrechtlern zusammen – ein kleiner, bunter Haufen Menschen, der auf die Idee kommt, Schweinemäster Granitzka zu entführen.

_AAP2642Da ist natürlich Vicky (Foto), die Erzieherin ist, vegan lebt und einfach kein Glück in der Liebe hat. Bis sie Matt (Foto) trifft. Gutaussehend, nett, schlagfertig – und Fleischesser. Der erste Abend ist ein lustiger, sie leeren etliche Biere. Am zweiten Abend kocht Vicky für Matt, der zuvor die Frage äußert, ob er wohl satt werden wird. Sie machen Lasagne, er findet sie lecker. Satt wird er natürlich auch. Auf der nächsten Grillparty bei Freunden verzichtet er auf die Grillwurst, regt sich auf. „Warum heißt Knackwurst im Darm eigentlich nicht Kackwurst?“

Da ist der kleine Erich, der im Kindergarten Bauernhof spielt und die Schweine einpfercht. Vicky zeigt ihm, wie Schweine wirklich leben. Sie entfernt den Zaun, nimmt Erde und ein Glas Wasser und lässt die Tiere sich darin suhlen. Erich ist überrascht. Er ist der Sohn von Schweinemäster Granitzka…

Los Veganeros hat eine ganz klare Botschaft: Es sind die kleinen Dinge, die etwas bewegen. Das leckere vegane Essen, garniert mit ein paar Fakten vielleicht. Oder das unbeschwerte Spiel mit kleinen Kindern, das ihnen zeigt, dass auch Tiere Gefühle haben. Mit Gewalt und Druck kommt man bei den meisten Menschen nicht weiter. Wobei man das Ende auch so interpretieren könnte, dass es ganz ohne auch nicht geht, wenn man noch im Einklang mit sich in den Spiegel schauen will. Vicky kommt wegen der Entführung des Schweinemästers ins Gefängnis, 132 Tage lang… Dennoch: Los Veganeros ist kein Fillm, der mit erhobenem Zeigefinger daherkommt, sondern eine wilde, manchmal skurrile Actionkomödie – oder wie die Macher selbst schreiben eine „vegane Dramödie“. Übrigens mit einem ziemlich coolen Soundtrack, für den natürlich auch Lars Oppermann verantwortlich zeichnet.

Fotos: Pressefotos von der Homepage / http://www.losveganeros.de

 

 

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