Nachgedacht, Nachgefragt
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Artgerecht ist nur die Freiheit

Hilal Sezgin, Autorin des Buches „Artgerecht ist nur die Freiheit“, hat Münster gestern einen Kurzbesuch abgestattet. Immerhin rund 50 Menschen wollten hören, was sie zu sagen hat. Nach Lesung und Vortrag entbrannte eine lebhafte Debatte über die Rechte von Tieren, die recht plötzlich endete, weil Hilal Sezgin nach Hause musste. Den letzten Zug in die Lüneburger Heide noch kriegen – die Schafe warteten. 😉 Alles klar, die Tiere gehen vor. Wir verstehen das!

Doch zurück auf Anfang. Für alle, die Hilal Sezgin nicht kennen: Die Journalistin stellt uns mitunter unbequeme Fragen. Sind Tierversuche für den medizinischen Fortschritt vertretbar? Dürfen wir Rehe aus Tradition jagen? Ist uns Milch so wichtig, dass wir es dafür hinnehmen, dass Kühe permanent schwanger sind, immer wieder Kälber gebären und diese ihnen nach der Geburt weggenommen werden? Müssen wir unbedingt Eier essen – wohlwissend, dass die Hühner in der Massentierhaltung pro Tier nur Platz in der Größe eines Din A 4-Zettels haben, dass sie sich gegenseitig die Federn ausrupfen, weil sie in permanentem Stress leben, dass die männlichen Küken nach dem Schlüpfen geschreddert werden, weil man sie nicht braucht? Und überhaupt: Dürfen wir Tieren ihr Leben nehmen, nur weil wir einen bestimmten Genuss erfahren möchten? Es ist ja nicht so, dass wir Hungers sterben würden, würden wir auf Fleisch verzichten…

Welche Rechte haben Tiere?

Welche Rechte haben Tiere? Und welche moralischen Pflichten hat der Mensch? Diesen Fragen geht Hilal Sezgin nach. Sie tut das auf eine angenehm ruhige Art – ohne Menschen, die  Fleisch essen, zu bevormunden oder von oben herab zu behandeln. Ihr Buch ist keine Kampfschrift. Und ihr Vortrag gestern keine Kampfansage. Aber sie argumentiert sehr logisch durch, warum unser Umgang mit Tieren moralisch nicht zu rechtfertigen ist.

Hilal Sezgin zeigt ein paar Bilder aus Schweinemastananlagen. Weitgehend beschränkt sie sich jedoch auf die Kraft ihre Worte.

Hilal Sezgin zeigt ein paar Bilder aus Schweinemast- anlagen. Weitgehend beschränkt sie sich jedoch auf die Kraft ihre Worte.

Zunächst liest sie eine Szene aus ihrem Buch. Dort ist sie mit einigen Tierrechtsaktivisten in einen Schweinemaststall eingestiegen. Ganz ruhig beschreibt sie, dass tote Ferkel auf den Gängen liegen („Zehn Prozent aller Ferkel sterben in den ersten drei Lebenswochen“). Sie erzählt von den Geräuschen, vom Quieken und Grunzen der Tiere, vom regelmäßigen Rütteln an Eisenstangen, „denn die Muttersauen liegen in Kastenständen, in denen sie sich nicht einmal drehen können“. Sie beschreibt den grauenvollen Gestank nach Ammoniak in der Anlage. Nichts, was wir nicht alle wissen. Aber so plastisch vorgetragen doch immer wieder nachdenklich stimmend.

Gewalt, die unfassbar ist

Anschließend listet Hilal Sezgin ganz genau auf, was wir den Tieren alles antun. Wir sperren sie ein. Auf engstem Raum. Wir verhindern, dass sie Nester bauen, auf Wiesen umherrennen, Sandbäder nehmen, sich suhlen, soziale Bindungen in ihrer Herde eingehen, sich um ihre Kinder kümmern. Wir besamen sie künstlich, machen sie immer wieder schwanger, ohne dass sie sich je um ihren Nachwuchs kümmern können. Wir kupieren ihre Schwänze, schleifen ihre Hörner und Zähne ab, kastrieren sie – alles natürlich ohne Betäubung. Und am Ende eines kurzen, schmerzhaften und entbehrungsreichen Lebens töten wir sie. Eigentlich komplett unverständlich, denn ich glaube, dass die meisten von uns grundsätzlich gegen Gewalt sind. Aber Tieren tun wir sie an. Immer und immer wieder.

Leid auch im Ökolandbau

Hilal Sezgin erzählt ganz nebenbei, wie sie Veganerin wurde. Sie besuchte einen Ökobauernhof in der Lüneburger Heide, von dem sie zuvor schon ihre Milch und ihren Joghurt bezog. „Ich fragte mich, warum dort eine Kuh die ganze Zeit muhte, während meines ganzen Besuches“, erzählt sie. Sie erfuhr, dass die Kuh am Tag zuvor gekalbt hatte und sie nun nach ihrem Kälbchen – ihrem Kind – rief. Man hat ihr ihr Baby weggenommen, am Tag nach der Geburt. „Und das muss man sich klarmachen“, sagt Hilal Sezgin, „das ist auch im Ökolandbau so, nicht nur in der Massentierhaltung“. Schließlich wollen wir ja die Milch trinken, die eigentlich für das Kalb gedacht ist.

Ein Blick auf die Menschheitsgeschichte

In Deutschland werden jedes Jahr 765 Millionen Tiere getötet – Fische nicht eingerechnet. Weltweit, so sagt Hilal Sezgin, sterben jährlich 65 Milliarden 525 Millionen Tiere. Zahlen, die man nicht verstehen kann, ich weiß ja nicht mal aus dem Stehgreif, wie viele Nullen da im Spiel sind. Aber den Vergleich, den die Journalistin heranzieht, den finde ich sehr beeindruckend: „Bis heute haben auf Erden etwa 100 Milliarden Menschen gelebt.“ Wir töten also in anderthalb Jahren so viele Tiere wie in der gesamten Menschheitsgeschichte Menschen auf dieser Erde waren.

Tiere empfinden und erleben – nicht nur Leid, sondern auch Freude

Hilal Sezgin betrachtet jedes Tier als Individuum, das leidensfähig ist. Tiere leiden, das ist den meisten von uns klar. Deshalb wird in der öffentlichen Debatte darum gerungen, dass beispielsweise Ferkel betäubt werden sollen, bevor man sie kastriert. Die Autorin und eine Reihe bekannter Philosophen gehen aber längst nicht mehr nur von der Leidensfähigkeit aus, die Tiere besitzen. Sie beschreiben sie zudem als empfindungs- und erlebensfähig. Heißt: Sie kriegen nicht nur Schmerzen mit, sie empfinden auch Neugier, Zuneigung, Freude, Hunger, Durst, Sattsein… „Und somit“, sagt Hilal Sezgin, „ist jedes Tier Subjekt seines eigenen Lebens“. Das wiederum bedeutet nicht, dass jeder Moment eines solchen Lebens toll sein muss. Auch unser Leben ist ja nicht immer großartig. Aber ganz sicher bedeutet es eines: Wir dürfen andere – weder Menschen noch Tiere – nicht quälen, nicht über ihr Leben bestimmen, sie nicht töten.

Gedanken zur Sklaverei

Eine junge Frau sagt am Ende der Veranstaltung, sie sei manchmal regelrecht verzweifelt, dass ihre Freunde sich  ihren Argumenten für einen Verzicht auf tierische Produkte so gar nicht öffnen. Und sie möchte wissen, ob Hilal Sezgin nicht einen guten Rat für sie habe. Nun, dieser eine Satz, der alle Menschen auf der Welt dazu bringt, kein Fleisch mehr zu essen, er ist wohl noch nicht erfunden worden. Gleichwohl hat die Journalistin einen Gedanken, der irgendwie tröstlich ist. Sie sagt: „Wenn ich total verzweifelt bin, dann gucke ich mir andere politische Bewegungen an.“ Beispielsweise die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei in der Welt. Zu sehen, was dort in den vergangenen 150 Jahren geschafft wurde, gibt ihr Hoffnung. Und wenn man es mal so sieht: Vor einigen Jahren wurden Veganer und auch Vegetarier noch für verrückte Spinner gehalten. Und heute? Ist das Thema in vieler Menschen Munde!

Am Ende sagt Hilal Sezgin noch dies: „Wir müssen Tiere nicht töten, weil wir keine Not haben, und deshalb dürfen wir es auch nicht. Wir dürfen kein Fleisch essen!“

4 Kommentare

    • Ich finde Hilal Sezgin so toll, weil ihre ganze Argumentation so logisch ist. Weil sie Menschen zum Nachdenken bringt, ohne sie anzugreifen oder schlecht zu machen. Ihr Buch ist übrigens sehr empfehlenswert!

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  1. unser derzeitiger verbrauch an fleisch, die massentiehaltung und die damit verbundene futterherstellung haben keine zukunft. unverzichtbar und gerecht ist nur eine ökosteuer auf umweltschädigende nahrungsmittel und andere umweltschädliche produkte. eine faire berechnungsgrundlage ist der ökologische fussabdruck. diese teuerung soll erreichen, dass dann diese umweltschädlichen produkte gar nicht mehr gekauft werden.
    https://campogeno.wordpress.com/2015/05/08/sie-werden-hunde-und-katzen-essen/

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